JÜRGEN NESTLER

 

Anfrage von Herrn Dr.Kugel über "Ivoride Elfenbeinimitation" als Werkstoff für Nestler-Rechenstäbe

 

Nestler 22E

Der zwischen 1931 und 1934 für die Rechenstäbe der Typen 6, 6a, 11E, 22E und 23E eingesetzte Kunststoff, der unter der Bezeichnung "imitiertes Elfenbein" lief, ist eine feste Lösung der Nitrozellulose im Kampfer und wurde als Zellhorn oder Celluloid genannt und zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:

Härte

Festigkeit

Fast völlige Unzerbrechlichkeit

Zugfestigkeit 4-8( kp/qcm)

Plastizität bei 125 Grad Celsius

Farblosigkeit sofern bei der Herstellung ausreichend gebleichte Baumwolle verwendet wurde.

Durchsichtigkeit bei dünnen Wanddicken, eingesetzt bei unseren Zelluloidläufern, die bereits vor 1930 aus Zelluloid hergestellt wurden und nach vielen Jahren "Alterung", durch Einwirkung des Tageslichtes (UV-Strahlung der Sonne) "vergilbt" wurden (heller bis dunklerer Braunton).

Dieser, als Ersatz für die Naturprodukte Elfenbein, Schildpatt, Horn, Bernstein usw. ge- schätzte Kunststoff, wurde 1869 von dem Amerikaner J.W. Hyatt zuerst technisch hergestellt und von ihm mit der Bezeichnung Celluloid versehen.

Vorläufer waren die von den Engländern A.Parkes und D.W.Spill erzeugten ähnlichen Kunststoffmassen.

Der Grundstoff für die Zelluloidherstellung sind Nitrozellulosen mit einem Gehalt von 10-13% Stickstoff, die durch Ersatz von Wasserstoff in Hydroxylgruppen der Zellulose durch Nitrogruppen entstehen. Verbindungen dieser und ähnlicher Art, die in Gemischen von Alkohol und Aether sowie im Holzgeist löslich sind, wurden technisch mit "Kollodiumwolle" und "Schießbaumwolle" bezeichnet.

Es bleibt also festzustellen, dass das imitierte Elfenbein, als damaliger Rechenschieber-Werkstoff und die Furniere auf unseren Holzrechenstäben (was längst bekannt ist), auf Zelluloid basierten.

Die Furniere waren weiß eingefärbt und hielten der natürlichen Vergilbung länger stand.

Handelsnamen des Zelluloids waren u.a. "Argonite", "Cellulosine" und das bei uns teils eingestzte Ivoride. Vergilbungen dieser und anderer Kunststoffe durch UV-Einstrahlung begegnet man heute durch Zusatz von UV-Stabilisatoren (z.B. ist Ruß ein natürlicher UV- Stabilisator).

Anmerkung:

Die von mir hier auszugsweise verwendeten Angaben über die Zelluloidherstellung, stammen aus dem "Handbuch der künstlichen plastischen Massen" von Dr.Oskar Kausch von 1939 und wurden mir freundlicherweise von Herrn Prof.Dr. Dietrich Braun vom "Deutsches Kunststoff-Institut, zur Verfügung gestellt. Als ehemaliger Kunststoffverarbeiter ist mir dies alles etwas geläufiger. Was ich hier noch erwähnen möchte, ist, dass unser Guus Craenen, im ersten seiner beiden hervorragend geschriebenen Nestler-Bücher, auf den Seiten 53 und 70, auf dieses Thema bereits kurz eingegangen war.

Jürgen Nestler , 03. November 2005

Urenkel des Firmengründers der 1994 erloschenen Firma Albert Nestler in Lahr in Baden